
Interview vom 26.05.2026 mit Oliver Hirte, Vorsitzender von HAMBURG FOOTBALL dem Verein zur Förderung des American Footballsports in Hamburg
Frage: Herr Hirte, künstliche Intelligenz verändert derzeit viele Branchen. Spüren Sie das auch im American Football?
Oliver Hirte: Absolut. Viele denken zunächst an Spielanalysen oder Statistiken, aber die eigentliche Veränderung passiert gerade im Hintergrund. Es geht um Medienarbeit, Kommunikation, Vermarktung und die Geschwindigkeit, mit der Inhalte entstehen. Vereine stehen heute unter einem ganz anderen Druck als noch vor wenigen Jahren.
Frage: Was hat sich konkret in der Vermarktung verändert?
Oliver Hirte: Früher benötigte man für nahezu alles externe Unterstützung. Einen Grafiker, einen Fotograf, einen Sprecher für Videos, teilweise Agenturen für Kampagnen. Heute entstehen in wenigen Stunden Inhalte, für die früher mehrere Personen beteiligt waren. Das verändert die gesamte Arbeitsweise.
Frage: Bedeutet das automatisch weniger Kosten?
Oliver Hirte: Nicht automatisch, aber die Kostenstruktur verschiebt sich deutlich. Kleine Vereine hatten oft das Problem, gute Ideen zu haben, aber nicht die finanziellen Mittel für eine professionelle Umsetzung. Wenn ein Verein plötzlich Inhalte erstellen kann, die früher mehrere hundert oder tausend Euro gekostet hätten, entsteht eine ganz neue Möglichkeit.
Frage: Welche Bereiche betrifft das besonders?
Oliver Hirte: Grafiken, Videos, Sprecherstimmen, Social Media Inhalte und teilweise sogar Textproduktionen. Früher musste man überlegen, ob sich ein professioneller Sprecher für einen kurzen Vereinsfilm lohnt. Heute entstehen viele Dinge deutlich flexibler.
Frage: Das klingt fast so, als würden klassische Agenturen unter Druck geraten.
Oliver Hirte: Ich glaube nicht, dass gute Agenturen verschwinden. Aber ihre Rolle verändert sich. Früher wurde oft jede Kleinigkeit extern vergeben. Heute wird die eigentliche kreative oder strategische Leistung wichtiger. Wer nur Standardaufgaben erledigt, bekommt sicherlich mehr Wettbewerb.
Frage: Ein großes Thema sind auch Grafiklizenzen und Stockdatenbanken. Was beobachten Sie dort?
Oliver Hirte: Das ist ein sehr spannender Bereich. Viele Vereine haben früher Stockbilder gekauft oder genutzt. Jetzt entstehen Inhalte teilweise individuell. Gleichzeitig entstehen neue Fragen: Wem gehört eine Grafik? Welche Rechte gelten? Welche Plattformen erlauben welche Nutzung? Man kann nicht einfach denken: Computer erstellt, also ist alles frei verwendbar.
Frage: Haben Vereine dort manchmal eine falsche Sicherheit?
Oliver Hirte: Ja, definitiv. Manche glauben, dass automatisch alles erlaubt sei. Dabei muss man weiterhin auf Nutzungsrechte achten. Das wird künftig wahrscheinlich sogar noch wichtiger.
Frage: Welche Rolle spielt die DSGVO?
Oliver Hirte: Eine große Rolle. Gerade im Sportbereich arbeiten Vereine mit Mitgliederdaten, Fotos von Kindern, Spielerdaten oder Videos. Nur weil technische Möglichkeiten existieren, bedeutet das nicht, dass man alles machen darf.
Frage: Wo sehen Sie mögliche Risiken?
Oliver Hirte: Wenn Daten unkontrolliert hochgeladen werden oder Systeme genutzt werden, deren Verarbeitung nicht klar nachvollziehbar ist. Vereine müssen sich damit beschäftigen. Das wird keine Aufgabe nur für große Unternehmen bleiben.
Frage: Warum müssen Vereine aus Ihrer Sicht jetzt aktiv werden?
Oliver Hirte: Weil die Entwicklung nicht wartet. Wenn Vereine heute sagen, wir schauen uns das irgendwann an, verlieren sie möglicherweise zwei oder drei Jahre. Das klingt zunächst wenig, ist im digitalen Bereich aber eine Ewigkeit.
Nachfrage: Ist das nicht etwas dramatisch formuliert?
Oliver Hirte: Vielleicht klingt es drastisch, aber schauen wir auf Social Media. Vor einigen Jahren hatten Vereine teilweise noch statische Webseiten und ein paar Bilder. Heute erwarten Menschen Videos, kurze Inhalte, regelmäßige Kommunikation und schnelle Informationen. Die Geschwindigkeit steigt weiter.
Frage: Was bedeutet das für kleinere Footballvereine?
Oliver Hirte: Dass sie plötzlich Chancen haben. Früher hatten größere Vereine oft Vorteile durch Budgets. Heute können kleinere Organisationen professioneller auftreten als jemals zuvor.
Frage: Wird künstliche Intelligenz Menschen ersetzen?
Oliver Hirte: Ich glaube eher, sie verschiebt Aufgaben. Menschen bleiben entscheidend. Emotionen, Vereinskultur und echte Beziehungen kann man nicht automatisieren. Aber man kann Zeit gewinnen.
Frage: Wo könnte diese gewonnene Zeit eingesetzt werden?
Oliver Hirte: Im eigentlichen Vereinsleben. Mehr Zeit für Mitglieder, Nachwuchsarbeit, Veranstaltungen und persönliche Gespräche. Das ist letztlich das, worum es im Sport gehen sollte.
Frage: Wenn Sie einem Footballverein nur einen Rat geben dürften, welcher wäre das?
Oliver Hirte: Nicht blind jedem Trend hinterherlaufen, aber anfangen. Die größte Gefahr ist nicht, Fehler zu machen. Die größte Gefahr ist, gar nichts zu tun.
Frage: Wie sehen Sie die Entwicklung in fünf Jahren?
Oliver Hirte: Ich glaube, wir werden dann nicht mehr darüber sprechen, ob künstliche Intelligenz genutzt wird. Wir werden nur noch darüber sprechen, wer sie sinnvoll nutzt und wer nicht. Genau wie heute niemand mehr darüber diskutiert, ob eine Vereinswebseite notwendig ist.
Frage: Was bedeutet Fortschritt für HAMBURG FOOTBALL?
Oliver Hirte: Fortschritt bedeutet für uns nicht Technik um der Technik willen. Fortschritt bedeutet, Menschen besser zu erreichen, den Sport sichtbarer zu machen und Möglichkeiten zu schaffen, die vorher vielleicht unerreichbar waren. Wenn Technologie dabei hilft, dann sollte man sie sinnvoll nutzen.
MORGEN TEIL 2
