
Interview Teil 3 – Oliver Hirte, Vorsitzender von HAMBURG FOOTBALL – Verein zur Förderung des American Footballsports in Hamburg
Frage: Herr Hirte, warum legen Sie beim Football so großen Wert auf Jugendarbeit?
Oliver Hirte: Weil Jugendarbeit nicht einfach eine zusätzliche Abteilung im Verein ist. Sie ist die Grundlage für alles Weitere. Es geht nicht nur darum, Nachwuchsspielerinnen und Nachwuchsspieler zu finden. Es geht darum, Menschen langfristig an den Sport und an Vereine zu binden.
Frage: Was entsteht durch diese frühe Bindung?
Oliver Hirte: Zugehörigkeit. Junge Menschen treffen Freunde und Freundinnen, erleben gemeinsame Spieltage, schauen anderen Mannschaften zu, fiebern mit, sammeln Erinnerungen und erleben Gemeinschaft. Das ist deutlich mehr als ein paar Stunden Training in der Woche. Dort entsteht Identität. Wer früh positive Erfahrungen macht, identifiziert sich häufig deutlich stärker mit seinem Verein.
Frage: Viele konzentrieren sich zunächst auf die sportliche Ausbildung.
Oliver Hirte: Sport ist natürlich wichtig, aber er alleine reicht nicht. Menschen bleiben häufig nicht nur wegen eines Sports, sondern wegen der Menschen, wegen der Erlebnisse und wegen des Umfelds.
Frage: Was passiert, wenn Vereine diese Bindung nicht schaffen?
Oliver Hirte: Dann entsteht etwas, was man überspitzt als Söldnermentalität bezeichnen könnte. Coaches und vor allem männliche Spieler wechseln dann schneller von Verein zu Verein. Heute hier, morgen dort. Man versucht teilweise sogar im Amateurbereich mit Dingen zu locken, die eigentlich überhaupt keine Hauptrolle spielen sollten.
Nachfrage: Was meinen Sie damit?
Oliver Hirte: Man hört teilweise von materiellen Erwartungen oder Forderungen. Das halte ich für problematisch. Im Amateurbereich sollte die Motivation nicht darin bestehen, wo vielleicht der größere Vorteil wartet. Es sollte um den Sport, das Umfeld und die Gemeinschaft gehen.
Frage: Wie wichtig sind funktionierende Jugendstrukturen für ambitionierte Vereine?
Oliver Hirte: Aus meiner Sicht sind sie zwingend erforderlich. Wer langfristig sportliche Ziele verfolgt und irgendwann vielleicht die höchstmöglichen Ligen erreichen möchte, braucht einen Unterbau. Eine U15 entwickelt Spielerinnen und Spieler weiter. Daraus kann eine starke U19 entstehen. Und aus einer starken U19 entsteht wiederum Potenzial für Herren- oder Damenmannschaften.
Frage: Kann man solche Strukturen überspringen?
Oliver Hirte: Kurzfristig vielleicht. Langfristig halte ich das für kaum möglich. Wer auf Nachwuchsarbeit verzichtet, verschiebt das Problem nur in die Zukunft. Irgendwann fehlt der eigene Unterbau und dann besiegelt man möglicherweise den eigenen sportlichen Niedergang.
Im Amateurbereich des American Footballs erhält der Erwachsenenbereich leider häufig einen unverhältnismäßig großen Anteil an Aufmerksamkeit, obwohl er im Grunde die letzte aktive Station einer Laufbahn darstellt. Aus der Vereinsrealität zeigt sich, dass Erwachsene im Amateurbereich oft durchschnittlich nur etwa 4 bis 8 Jahre aktiv bleiben. Beruf, Studium, Familie, Verletzungen oder Ortswechsel führen regelmäßig dazu, dass Spieler und Spielerinnen ihre Laufbahn beenden.
Gerade deshalb sind Jugendspielerinnen und Jugendspieler die langfristig deutlich wichtigere Zielgruppe. Wie gesagt, wer früh in einen Verein kommt, sammelt Gemeinschaftserlebnisse, findet Freundschaften und entwickelt Zugehörigkeit. Diese Bindung sorgt häufig dafür, dass Menschen nicht nur einige Jahre, sondern oft zehn, fünfzehn Jahre oder sogar deutlich länger mit einem Verein verbunden bleiben, aktiv oder später als Trainer, Betreuer, aktiver Unterstützer und auch als Sponsor.
Der Erwachsenenbereich bleibt wichtig, sollte aber vor allem eines sein: die sichtbare Spitze des Sports. Er muss Faszination erzeugen, Begeisterung auslösen und zeigen, wohin sich junge Spielerinnen und Spieler entwickeln können. Das Fundament entsteht jedoch nicht dort, sondern im Nachwuchsbereich.
Frage: Welche Rolle spielt dabei der Verband?
Oliver Hirte: Eine sehr große Rolle und aus meiner Sicht teilweise eine unterschätzte Rolle. Verbände sollten nicht nur Spielpläne verwalten und Regularien organisieren. Sie müssen Richtungen vorgeben.
Frage: Was meinen Sie mit Richtungen?
Oliver Hirte: Verbände sollten sich fragen: Wo möchten wir den Sport in zehn oder fünfzehn Jahren sehen? Welche Rolle spielt Tackle Football? Welche Rolle spielt Flag Football? Welche Nachwuchsstrukturen möchten wir? Wie unterstützen wir Vereine konkret? Wo setzen wir Schwerpunkte?
Frage: Fehlt Ihnen dort teilweise eine klare Linie?
Oliver Hirte: Teilweise schon. Vereine kommunizieren manche Themen sehr unterschiedlich und gehen unterschiedliche Wege. Das wird häufig den Vereinen selbst überlassen. Dabei wäre es wichtig, stärker Orientierung zu geben.
Frage: Flag Football erlebt derzeit einen enormen Aufschwung und wird olympisch. Wie sehen Sie diese Entwicklung?
Oliver Hirte: Grundsätzlich sehr positiv. Mehr Aufmerksamkeit für Football ist gut. Flag Football bringt neue Menschen in den Sport und kann zusätzliche Zielgruppen erreichen.
Frage: Ersetzt Flag Football künftig Tackle Football?
Oliver Hirte: Nein. Das sehe ich nicht. Das sind verwandte Sportarten, aber keine identischen Sportarten. Flag Football ist American Football ohne die Tackle-Komponente, ohne Pads und ohne Helme. Das verändert den Sport deutlich.
Frage: Manche vertreten die Ansicht: Wir beginnen mit Flag Football und später wechseln alle automatisch zu Tackle Football.
Oliver Hirte: Genau das sehe ich kritisch. Einzelne Wechsel funktionieren natürlich. Aber die Vorstellung, man startet mit Flag Football und wenn die Jugendlichen später 16 Jahre alt sind, wechseln automatisch viele zu Tackle Football, halte ich für zu einfach gedacht.
Frage: Warum?
Oliver Hirte: Weil unterschiedliche körperliche Anforderungen, Bewegungsmuster und Erfahrungen dazugehören. Man sollte nicht automatisch davon ausgehen, dass sich das problemlos übertragen lässt.
Frage: Sollte der Verband hier stärker eingreifen?
Oliver Hirte: Ich würde eher sagen: stärker führen. Es sollte klar kommuniziert werden, welche Rolle Flag Football einnimmt, welche Rolle Tackle Football einnimmt und wie beide Bereiche langfristig zusammenspielen sollen. Vereine brauchen Leitplanken.
Frage: Immer wieder hört man, dass Jugendmannschaften Schwierigkeiten haben, genügend Spielerinnen und Spieler zu finden. Wie bewerten Sie das?
Oliver Hirte: Das muss man hinterfragen. Hamburg und das Umland verfügen über ein enormes Potenzial. Wenn trotzdem dauerhaft Jugendmannschaften Schwierigkeiten haben, genügend Spielerinnen und Spieler zu finden, dann sollte man sich nicht nur einzelne Vereine anschauen, sondern das Gesamtsystem.
Frage: Was meinen Sie damit?
Oliver Hirte: Wenn Vereine immer wieder mit denselben Problemen kämpfen, stellt sich irgendwann die Frage: Wo liegt die gemeinsame Strategie? Wo findet Unterstützung statt? Wo werden Vereine aktiv gefördert? Denn am Ende meldet sich niemand wegen eines Kunstrasenplatzes an. Menschen entscheiden sich häufig für ein Gefühl, für Erlebnisse und für Zugehörigkeit.
Frage: Herr Hirte, Sie haben den Verein zur Förderung des American Footballsports in Hamburg gegründet. Warum war dieser Schritt aus Ihrer Sicht überhaupt notwendig?
Oliver Hirte: Ehrlich gesagt bin ich der Auffassung, dass es den Verein zur Förderung des American Footballsports in Hamburg eigentlich gar nicht geben müsste. Zumindest dann nicht, wenn ich den Eindruck gehabt hätte, dass die Vermarktung und die langfristige Entwicklung des Sports in Hamburg bereits ausreichend Aufmerksamkeit erhalten würden.
Frage: Was meinen Sie damit konkret?
Oliver Hirte: Gegenfrage, haben Sie in Hamburg schon mal Werbung für American Football gesehen? Ich habe den Eindruck gewonnen, dass gerade im Bereich Sichtbarkeit und Vermarktung viel Potenzial ungenutzt bleibt. Es sind Mittel vorhanden, die eingesetzt werden könnten, aber aus meiner Sicht häufig nicht oder nicht ausreichend genutzt werden. Dabei geht es nicht um einzelne Veranstaltungen oder kurzfristige Aktionen, sondern um eine langfristige Strategie.
Frage: Wo sehen Sie Defizite?
Oliver Hirte: Häufig entsteht der Eindruck, dass man sich auf einzelne Ereignisse konzentriert. Beispielsweise auf die Durchführung bestimmter Veranstaltungen wie Jugendturniere oder einzelne Maßnahmen. Aber damit darf die Arbeit nicht enden. Das kann nicht die vollständige Strategie für die Entwicklung einer gesamten Sportart in einer Stadt sein.
Frage: Welche Folgen hat das aus Ihrer Sicht?
Oliver Hirte: Dann erlebt man leider immer wieder dieselben Probleme. Jugendmannschaften kommen nicht zustande oder Vereine müssen sich zusammenschließen, um überhaupt Mannschaften aufrechterhalten zu können. Kurzfristig kann das natürlich helfen. Langfristig sollte das aber eher die Ausnahme als der Regelfall sein.
Frage: Betrifft das nur die Vereine?
Oliver Hirte: Nein. Das betrifft letztlich das gesamte System. Wenn Vereine Schwierigkeiten haben, ausreichend Nachwuchs zu gewinnen oder Strukturen zu erhalten, wirkt sich das mittelbar auch auf Verbände aus. Denn sinkende Mitgliederzahlen bedeuten am Ende auch geringere Einnahmen und weniger Möglichkeiten zur Förderung und Entwicklung des Sports.
Frage: Was wäre aus Ihrer Sicht die Konsequenz daraus?
Oliver Hirte: Mehr langfristige Strategien statt kurzfristiger Lösungen. Mehr Unterstützung für Vereine. Mehr Aufmerksamkeit für Jugendbereiche und vor allem die Frage: Wie machen wir unseren Sport sichtbar und attraktiv? Denn Potenzial ist in einer Region wie Hamburg definitiv vorhanden.
Frage: Herr Hirte, sehen Sie Beispiele aus der Vergangenheit, aus denen man lernen kann?
Oliver Hirte: Aus meiner persönlichen Sicht gab es in Hamburg durchaus Situationen, aus denen man Lehren ziehen kann. Als die Sea Devils im Rahmen der ELF als professionelle Mannschaft in Erscheinung getreten sind, bestand nach meiner Wahrnehmung auch die Erwartung beziehungsweise die Zielsetzung, dass eine solche Präsenz nicht isoliert für den Profibereich existieren sollte, sondern auch Impulse für die Jugendförderung und den Nachwuchsbereich entstehen.
Frage: Wie hätten solche Impulse aussehen können?
Oliver Hirte: Wenn plötzlich Aufmerksamkeit, Sponsoren und Reichweite vorhanden sind, dann sollte sich das auch in der Breite des Sports bemerkbar machen. Beispielsweise durch regelmäßige Jugendaktionen, Camps, Schnuppertage oder nachhaltige Programme, die Vereine und Nachwuchsbereiche unterstützen.
Frage: Hat sich diese Erwartung erfüllt?
Oliver Hirte: Nach meiner persönlichen Wahrnehmung nicht in dem Umfang, den ich mir vorgestellt hätte. Es gab einzelne Maßnahmen, aber ich hätte mir langfristige Strukturen gewünscht. Denn genau darum sollte es gehen. Nicht um einzelne Termine, sondern um nachhaltige Entwicklung.
Frage: Was wäre aus Ihrer Sicht die Lehre daraus?
Oliver Hirte: Aufmerksamkeit allein löst keine Probleme. Große Namen, professionelle Strukturen und öffentliche Wahrnehmung helfen zunächst einmal. Aber langfristig funktionieren Dinge nur mit soliden Grundlagen. Dazu gehören Planung, nachhaltige Entwicklung und ein verantwortungsvoller Umgang mit vorhandenen Möglichkeiten. Man sollte mit den Mitteln arbeiten, die tatsächlich vorhanden sind, und langfristige Strukturen schaffen, statt ausschließlich auf kurzfristiges Wachstum zu setzen.
Wir bedanken uns bei Oliver Hirte, Vorsitzender von HAMBURG FOOTBALL – Verein zur Förderung des American Footballsports in Hamburg, für das Interview.
